Schreib-Tipp #9: Actio und Reactio

Wir sind uns hoffentlich einig, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Taten. Dennoch sind sie in literarischen Texten ein tolles Mittel, um Menschen zu definieren – viel besser als Adjektive („Manchmal konnte er ein wenig zögerlich sein.“…). Wichtig ist es nur, Taten schlüssig in den Text einzugliedern. Eine Aktion allein ist da manchmal zu wenig.

 
Sagen wir, du willst deine Hauptfigur sympathisch wirken lassen, indem sie eine Katze vom Baum rettet (total offensichtlich, aber wirkungsvoll). Es reicht nicht, zu schreiben, wie sie das verschreckte Maunzen hört, auf den Baum zugeht und die Katze herausfischt. Katzen-Retten ist (leider?) kein angeborener Reflex. Zu der Entscheidung, es zu tun, muss man erst einmal gelangen. Und dazu gehören Reaktion und Diskussion.
 
Die Reaktion ist eine Emotion oder Assoziation, die sofort ohne großes Nachdenken durch den äußeren Reiz hervorgerufen wird. Dieser erste Impuls kann bereits einiges über den Charakter aussagen. (Beispiel: Das Maunzen der Katze lässt die Figur zusammenzucken, instinktiv greift sie sich ans Herz. Wieso? Das klärt sich im Laufe der Geschichte.)
Die Diskussion ist dann die losgetretene Gedankenkette, die schließlich zum Entschluss führt. Hier liegen einem sämtliche Möglichkeiten der Charaktergestaltung offen! (Beispiel: Alles von „Hoffentlich erlitt das arme Tier keine Schmerzen!“ über „Konnten diese Viecher nicht einfach mal Ruhe geben?“ bis „Aber war das überhaupt eine Katze? Die Matrix konnte einem vieles vorgaukeln.“)
 
Auch auf die Diskussion folgt nicht direkt die Aktion, denn zuerst kann es hilfreich sein, wenn die Figur ihren gefassten Beschluss noch einmal formuliert. (Beispiel: „Dieser Katze würde er den Hals umdrehen, sobald er sie erwischte.“)
 
Dadurch ist die Durchführung des Beschlusses zielgerichteter – und ein eventuelles Versagen der Figur erzeugt mehr Kontrast. (Beispiel: „Angriffslustig setzte er einen Schritt in die Richtung des nervtötenden Geräusches. Aber als hätte die Katze seine Gedanken gelesen, verstummte sie plötzlich und ließ R. recht orientierungslos zurück.“)
 
Natürlich solltest du nicht jede kleine Handlung auf diese Weise begründen – das wäre ermüdend. Wenn in deinem Text jedoch Personen sehr sprunghaft zu handeln scheinen, schau mal, ob sie überhaupt über ihre Aktionen nachdenken 😉

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